Wie gehe ich mit einer kritischen Rezension um?

Wer irgend kann, sollte dafür dankbar sein. Dankbarer noch als für eine gute. Nicht selten erzeugt Negativ-Werbung mehr Interesse als positive. Vielleicht kommt es dabei auf den Rezensenten an, denn viele, die dazumal von dem verstorbenen Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki kritisiert worden waren, haben sich über eine wachsende Nachfrage ihrer Bücher gefreut.

Zunächst einmal bedeutet eine kritische Rezension (mit hoher Wahrscheinlichkeit) tatsächliches Interesse und Ehrlichkeit. Es handelt sich um einen Leser, der sich wirklich(!) mit dem, was ihm da unter die Finger gekommen ist, auseinandergesetzt hat. Und der es nicht nötig hat, sich gewissermaßen beim Autor „einzuschleimen“.

Kritische Rezensionen können vielleicht tatsächlich vernichten. Aber wer sie geschickt zu nehmen weiß, lernt hinzu und wächst daran. Man hat ihn mit den Schwächen seines Werkes oder seiner Werke konfrontiert und, da Autor und Werk nicht trennbar sind, auf diese Weise auch mit seinen eigenen Schwächen. Das ist eine neue Chance für ihn.

 

Sollte es mir also passieren, dass ich im Internet oder in irgendeiner Zeitung einen heftigen Verriss eines Buches von mir lese, habe ich mehrere Möglichkeiten:

1. Ich werfe alles hin und bin eingeschnappt. Die können mich mal alle! Die Welt ist schlecht. Was ich von ihr halte, schreibe ich zwar nun nieder, weil ich Dampf ablassen muss, aber hauptsächlich für die Schublade. Oder für einen Blog, über den ich nur mit Gleichgesinnten und ähnlich Verletzten kommuniziere.

2. Ich erkenne allen Ernstes, dass Schreiben nicht mein wahres Talent ist. Dann spüre ich in mich hinein und ahne, dass ich vielleicht viel besser musizieren kann. Oder Kuchen backen. Oder eine Schulklasse leiten. Je nachdem. Also höre ich mit dem Schreiben auf und probiere es mit etwas anderem. In vielen Fällen eine der ehrlichsten Optionen, die für viele von uns, die wir nach Anerkennung lechzen, aber eine Zumutung bedeutet.

3. Ich atme tief durch, nehme mir mein Skript noch einmal vor und schreibe es neu. Versuche, mich auf die Hauptkritikpunkte einzustellen. Dabei weiß ich, dass ich nicht zwanghaft allen Wünschen des Kritikers gerecht werden muss, sondern ich prüfe einfach, was ich tatsächlich verbessern kann. Vielleicht lese ich mehr, um meinen Wortschatz zu erweitern. Vielleicht lasse ich mich beraten, suche mir Hilfe. Beispielsweise die eines guten Lektors. (Ein kompetentes Lektorat wird oft aus Kostengründen vermieden, aber eigentlich ist es unbezahlbar.)

4. Ich freue mich, auf einen ehrlichen Menschen gestoßen zu sein, auf einen ernsthaft interessierten Leser. Dem ich dankbar bin. Ich stelle meine persönlichen Ziele auf den Prüfstand, frage mich ebenso ehrlich, was ich erreichen wollte. Warum ich schreibe und für wen. Und wenn mir das klar geworden ist und ich das vorbehaltlose JA zum Schreiben wie auch zum gewählten Thema immer noch empfinde, mache ich mich von neuem an die Arbeit.

Es nützt uns nichts, von Schmeichlern umgeben zu sein. Sie helfen uns nicht weiter. Weil sich niemand traut, mir ins Gesicht zu sagen, dass ihm mein Buch nicht besonders gefällt, finde ich niemals heraus, warum es keiner kauft und keiner will. Oder wie ich die Zielgruppe erreiche, für die ich geschrieben habe, ohne mir dessen bewusst zu sein.

Wenn ich an die Öffentlichkeit gehe, fordere ich sie auch heraus. Ich sollte nicht beleidigt sein, wenn eine Antwort zurückkommt, die nicht ganz so sehr nach meinem Geschmack ist. Nicht alles gefällt jedem.

Das ist der Einsatz, jedesmal. Ein Leser, der für mein Buch Geld ausgibt, möchte auch einen Gegenwert wahrnehmen, empfinden. Er ärgert sich, wenn er das Gefühl bekommt, dass er viel gezahlt hat für wenig Substanz.

Entweder ich ziehe mich an diesem Punkt beleidigt zurück, oder ich wage den nächsten Vorstoß mit demselben Risiko. Die letztere Option wird mich wachsen lassen, unbedingt. Wenn mir das bewusst bleibt, werde ich bald bessere Rezensionen einfahren und noch bessere.

Das ist dennoch nicht alles. Denn es gibt auch Leute, die ein Buch kaufen und sich bei einem bestimmten Titel etwas völlig anderes vorstellen als es tatsächlich enthält. Die schreiben dann böse Rezensionen, weil sie sich über sich selbst ärgern.

Die Rezensenten zu unterscheiden, ist auch nicht einfach. Aber mit der Zeit lernt man das recht gut.

Andreas H. Buchwald                              Greith, 9. Februar 2020

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