Von der Bedeutung des Fragens

Vielleicht ist es eine fast schon selbstverändliche Eigenschaft des Erwachsenen, dass er selten oder nie fragt. Er nimmt seine Welt als gegeben hin und verliert dadurch die der unzähligen Möglichkeiten. Manchmal behilft er sich noch damit, dass er den Informationen aus der einen Quelle vertraut und denen aus anderen Quellen nicht. Doch auch in diesem Fall hat er längst aufgehört, selbst zu beobachten, die sich ständig verwandelnde Welt neu zu erforschen und zu begreifen. Er wächst somit nicht weiter und findet das vollkommen in Ordnung. Erst wenn ihm etwas geschieht, das ihn aus seiner nicht mehr hinterfragten Welt wirft – eine Krise, eine Krankheit, ein schwerer Unfall z. B. – geht das Bild, das er vom Leben bislang hatte, zu Bruch.

An dieser Stelle beginnen viele Menschen noch einmal zu fragen. Sie brauchen neue Antworten, weil die alten nicht mehr passen. Es gibt für sie kein festgefügtes Weltbild mehr, und das ist gut so. Neues wird dadurch möglich.

Kinder sind von vornherein anders. Bereits in einer frühen Lebensphase quälen sie ihre Eltern mit ihrem ständigen Warum. Oft sind diese Fragen nur Bitten um Aufmerksamkeit, aber ebenso oft wollen die Kleinen tatsächlich wissen. Ich möchte nicht ausschließen, dass die Schule es ist, die ihnen das Fragen irgendwann verleidet.

Danach tun die Medien ein Übriges. Wir sehen einen Bericht im Fernsehen und glauben fester und sicherer an seine Einzelheiten als wir je die Existenz eines Weihnachtsmannes für wahr hielten. Warum tun wir das? Wir kennen meistens weder die handelnden Personen noch sind wie jemals an dem Ort des Geschehens gewesen. Manchmal wissen wir sogar gut Bescheid über die Tricks, die die moderne Technik anwenden kann und schlucken trotzdem alles. Brav und – mit Verlaub – dumm wie Schafe. Warum tun wir das? Warum nehmen wir so sicher an, dass man uns die Wahrheit vorsetzt? Aus welchem Grund sollte man das tun? Lieben uns diejenigen, die da irgendetwas berichten? (Obwohl sie u. U. sehr grantig werden können, wenn man ihnen bestimmte Zahlungen verweigert … Warum eigentlich wollen sie diese erzwingen?) Oder lieben sie die Wahrheit mehr als ihr Einkommen?

Wenn wir den größten Teil dessen, was man uns so täglich an Informationen vorsetzt, hinterfragen würden, hätten wir eine spannendere Welt. Eine, die immer von neuem entsteht. Und wir wären viel bereiter, einander zuzuhören statt vorschnell zu (ver-)urteilen. Wir könnten es stehen lassen, dass andere Menschen andere Erfahrungshintergründe haben, die ihre Weltvorstellung so oder so beeinflussen. Wir würden mit unseren Etikettierungen aufhören (die man uns auch nur anerzogen hat). Wir wären zu mehr Frieden untereinander bereit, denn wir ließen uns selbst auf Menschen ein, ohne Vorurteile und ohne die Mauern, die man künstlich zwischen ihnen errichten möchte.

Wenn früher Erwachsene zu mir sagten „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!“, habe ich erst recht mit ihnen gespielt. Ich wollte wissen, was mit ihnen los war, wollte sie selbst fragen. Und kam zu erstaunlichen, oft sehr überraschenden Ergebnissen.

Ich wünschte, viele von uns könnten wieder so leben. Alles hinterfragen. Nichts „Vorgekautes“ mehr hinunterschlingen, sondern selbst auswählen. Jede Menge Gräben würden verschwinden, jede Menge Mauern brächen zusammen.

Medienkartelle hätten es schwerer.

Der Frieden indessen hätte es leichter. Und das pure Leben auch.

Andreas H. Buchwald

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